18/08/2009 [Professional Audio]
Eröffnungen von städtischen Betrieben sind selten ein Knaller. Im nagelneuen Hamburger Bade-Tempel "Festland" jedoch hat es ein Spezial-Team mächtig rumsen lassen. Und wer hätte das gedacht: Dieser ganz große Sound kam aus einem ganz kleinen Yamaha LS9.
Erst im Januar 2007 war das öffentliche Hamburger Bismarckbad im Stadtteil Altona zum Unmut vieler Anwohner geschlossen und abgerissen worden, um der Erweiterung des benachbarten Konsumtempels "Mercado" Platz zu machen. Der städtische Betreiber der Schwimmhalle, "Bäderland", versprach den Bürgern damals ein neues, hochmodernes Erlebnisbad und fackelte tatsächlich nicht lange, seine Zusagen in die Tat umzusetzen.
Schon im Februar 2009 eröffnete kaum zwei Kilometer von der alten Badestätte entfernt das "Festland", ein großer topmoderner Neubau auf fast einem Hektar Grundfläche mit sechs Wasserflächen, darunter allein drei 25-Meter-Becken. Wasserspeiende Dinosaurier-Figuren erfreuen sich bei den Jüngsten seitdem größter Beliebtheit, während die Erwachsenen in Sportbecken, Saunen, Dampfbädern und Massagesalons mit ihrer Kleidung den Alltagsstress abstreifen können.
Abb. 1: Noch kein Kratzer: Das Festland in Hamburg-Altona
Bei einer groß angelegten und gekonnt vermarkteten Eröffnungsfeier wurde die Bedeutung des neuen Komplexes für die Hafen-Metropole Hamburg hervorgehoben. Denn das "Festland", nur wenige hundert Meter von der Vergnügungsmeile Reeperbahn entfernt, soll auch ein neuer Anziehungspunkt für jene vielen Millionen Touristen sein, die Hamburg jedes Jahr besuchen.
Zu Beginn des Eröffnungs-Events wurde die aufwändige Dinosaurier-Dekoration von einer nicht minder komplexen, hochrealistischen Soundkollage zum Leben erweckt. Für die Umsetzung des Klangspektakels war der Profi-Sounddesigner Tom Ammermann verantwortlich, ein erfahrener Spezialist für Psychoakustik und Surround-Produktionen. Wenn Tom nicht gerade Dschungel-Atmosphären für Schwimmbad-Eröffnungen produziert, entwickeln er und seine Firma Mo'Vision so genannten "headphone-surround", eine realistische Mehrkanal-Simulation für herkömmliche Stereokopfhörer.
Auch die Firma Dezent von Sven Goldmann trug mit zum Gelingen der Eröffnung bei. Dezent ist ein bekanntes Hamburger Unternehmen für Veranstaltungstechnik, das mit Tom und Mo'Vision familiär und freundschaftlich unter einem Dach arbeitet. Das Unternehmen versorgte schon berühmte Künstler von Al Jarreau bis zum Wu-Tang Clan mit moderner Audiotechnik und genießt über die Stadtgrenzen hinaus großes Vertrauen bei den zahlreichen Veranstaltern in der Hamburger Metropolregion.
Für die "Festland"-Einweihung stellte Sven Goldmanns Truppe eine mächtige 6.1-Surround-Anlage um das rechteckige Hauptbecken. An allen vier Ecken sowie auf halbem Wege an den längeren beiden Beckenkanten befanden sich Lautsprecher. Jede dieser sechs Positionen wurde mit einem eigenen Kanal angefahren.
Soundexperte Tom nutzte die Audio-Konfiguration, um die Besucher mit einer aufwändig produzierten Soundkollage mitten in einen urzeitlichen Dschungel zu versetzen. Sechs Subwoofer, die vom LFE-Kanal angesteuert wurden, brachten das "Festland" vor allem immer dann zum Beben, wenn die Dschungelatmosphäre von den mächtigen Stampfern eines ausgewachsenen Tyrannosaurus Rex' zerrissen wurde, welche dank eines geschickten Pannings die Halle zu queren schienen. Ein Effekt, der seine Wirkung nicht verfehlte - so manchem Besucher standen aufgrund des realistischen soundtechnischen Auftritts des Riesenreptils die Nackenhaare zu Berge. Nach dieser beeindruckenden Startsequenz standen mehrere Reden hochkarätiger Politiker und der beim "Festland" involvierten Funktionäre auf dem Programm.
Abb. 2: Ruhe vor dem Rums: Das Becken während der Installation der Soundanlage
Natürlich spielt bei einer solch speziellen Veranstaltung der Sound eine tragende Rolle, und die Signalkette musste von allerbester Qualität sein. Als zentrale Schaltzentrale kam ein Yamaha LS9-16 zum Einsatz, das gleich eine ganze Palette von Aufgaben übernahm. So empfing das Pult die sieben Surround-Kanäle der vorprogrammierten Klangkollage von einem Pioneer-CDJ400-Player sowie zwei Mikrofon-Kanäle von den Sprecher-Mikrofonen für die anschließenden Reden. Um Soundeffekte und Hintergrundmusik spontan einspielen zu können, war ein zweiter CDJ400 an das Pult angeschlossen. Ausgangsseitig speiste das LS9 mehrere Verstärker vom Typus Yamaha P2700, die wiederum die Surround-Boxensysteme und das Bühnen-Monitoring mit Leistung versorgten. Im Pult kamen sechs verschiedene Mischszenen zum Einsatz, von denen einige für die druckvolle Eingangssequenz programmiert wurden, während andere für die Reden der Funktionäre und Politiker auf Sprache optimiert waren.
Abb. 3: Amp-Rack mit ordentlich Yamaha-Beteiligung
Am Yamaha LS9 saß Sound-Engineer Sven Baumelt, der sowohl die Surround- als auch die Monitor-Signale im Griff hatte. Überdies reicherte der freiberuflich arbeitende Misch-Spezialist Tom Ammermanns Soundkollage mit zusätzlichen Soundeffekten vom zweiten Pioneer-Player an.
Sven gehört zur jüngeren Generation von Audiospezialisten und hat überhaupt keine Berührungsängste mit digitaler Signalverarbeitung, wie er uns gerne ausführlich erklärt: "Ich will es mir eigentlich gar nicht mehr vorstellen, wie es war, bei Firmenveranstaltungen wie dieser mit analogen Pulten arbeiten zu müssen. Vor zehn Jahren noch hätten wir allein für die ganzen externen Signalprozessoren, die Grafik-EQs, die Kompressoren und so weiter einen eigenen Kleinlaster bemühen müssen. Heute klemme ich mir das LS9-16 mit seinen internen Signalprozessoren unter den rechten Arm, die Tasche mit Kabeln unter den linken und habe so gut wie alles am Start, was ich für meinen Job benötige."
Abb. 4: Sound-Engineer Sven Baumelt (links) und Sound-Designer Tom Ammermann konfigurieren gemeinsam das LS9.
Sven, der nach einer Ausbildung an der SAE als Live-Techniker begonnen und sich inzwischen zum FOH- und Monitor-Mann emporgearbeitet hat, weiß solche Vorteile zu schätzen: "Viel Leistung auf engstem Raum bei geringstem Gewicht - in Sachen Effizienz macht dem LS9-16 so schnell keiner 'was vor. Und die LS9-Modelle treffen auch mit ihren Spezifikationen mitten ins Schwarze. Aber nicht nur wir Techniker profitieren von moderner digitaler Misch- und Beschallungstechnik. Die Veranstalter selbst müssen viel weniger Platz für die Geräte einplanen, und gerade bei Firmenevents wie diesem muss unser Equipment quasi unsichtbar bleiben - auch wenn es so gut aussieht wie die Yamaha-Pulte", sagt er lachend.
Svens Lieblingsfunktion ist der ferngesteuerte Betrieb des Pultes über die LS9-Editor-Schnittstelle und einen Tabloid-PC: "So kann ich die Lautsprecher von einer optimalen Abhörposition im Raum entzerren, anstatt mich mit den Bedingungen in meiner unauffälligen Misch-Ecke anfinden zu müssen. Natürlich wird dadurch die Klangqualität der Beschallung ungemein verbessert."
Sven Goldmann kann seinem Kollegen nur zustimmen. Der Dezent-Geschäftsführer nennt einen beachtlichen Yamaha-Bestand sein eigen: "Neben diversen Yamaha-Amps haben wir die ganze Modell-Palette digitaler Pulte vom LS9 bis zum PM5D im Einsatz. Die Geräte arbeiten extrem zuverlässig, und genau darum geht es in unserem Geschäft."
Der Firmenchef betont zugleich, dass bei Dezent nicht die Technik, sondern der Kunde und die fantasievolle Umsetzung seiner Ziele die erste Geige spielen. Dennoch wirkt er ein wenig aufgeregt, als er von der nächsten geplanten Anschaffung erzählt. "Wir warten schon sehnsüchtig auf die neue EtherSound-Stagebox SB168-ES von Yamaha".
So wie das schwere analoge Mischpult schon heute so gut wie ausgestorben ist, könnten die unhandlichen und sperrigen Multicore-Kabel also ebenfalls bald Geschichte sein.