Yamaha MM6/8 – Viel Sound für wenig Geld

Yamaha MM6/8 – Viel Sound für wenig Geld
Multimode für MM

Seit ein paar Monaten hat Yamaha mit dem MM8 einen Einsteigersynthesizer im Programm, der sich dank seiner Verwandtschaftsverhältnisse zum MOTIF eines formidablen Soundvorrats erfreut. Wie man damit auch erfreuliche Musik machen kann, ist Thema dieses Workshops.

Die leichtgewichtige graue Flunder MM6 – von Freunden zärtlich "Mini-Mo" genannt – wirkt eher unscheinbar, schöpft aber aus sagenhaften 70 MB Sample-ROM, mit dem sich vortrefflich Musik produzieren lässt. Mit dem MM8 gibt es diese Klangkraft mit 88 Tasten einer gewichteten Graded-Hammer-Tastatur, die auch Pianisten Freude bereiten wird. Schaltet man den MM ein und spielt sich ein wenig durch die Performances, merkt man recht schnell, wie hier der Hase läuft. Auf der Tastatur stehen einem maximal drei verschiedene Sounds ("Voices" genannt) zur Verfügung.

Voices

Die Main-Voice ist – wie der Name schon vermuten lässt – der Hauptsound. Die Auswahl geht denkbar einfach vonstatten: Einfach auf einen der acht [CATEGORY SEARCH]-Tasten rechts im Bedienfeld gedrückt und schon stehen alle Sounds der gewählten Kategorie zur Auswahl, die man mit dem großen schwarzen Data-Dial oder den Tasten [DEC/NO] oder [INC/YES] trifft.

Mit den [CATEGORY SEARCH]-Tasten geht die Voice-Auswahl schnell vonstatten
Mit den [CATEGORY SEARCH]-Tasten geht die Voice-Auswahl schnell vonstatten

Beim Anspielen der verschiedenen Voices bemerkt das feine Gehör, dass auch Effekteinstellungen wechseln – denn merke: Die Voice im Main-Voice-"Slot" bestimmt den Effekt des DSP-Blockes, den man sich als speziellen Insert-Effekt für die Main-Voice vorstellen kann, beispielsweise als Verzerrer für E-Gitarren-Sounds oder als Echo für Lead-Synths.

Der Main-Voice kann man bei Bedarf eine Dual-Voice "drunterlegen". Das ist mit einem Druck auf den Taster [DUAL] schnell gemacht. Zur Auswahl des Sounds für die Dual-Voice gelangt man, indem man den [Dual]-Taster länger gedrückt hält. So ist beispielsweise ganz flink dem Klavier ein Streicherpad hinzugefügt, um der Ballade zusätzlichen Schmachtfaktor zu verleihen.

Um die Lautstärkeverhältnisse zwischen den Voices einzustellen, bedarf es ein paar zusätzlicher Knopfdrücke. Mit [EDIT] (links neben dem Display) ruft man das Bearbeitungsmenü auf, und mit [INC/YES] bzw [DEC/NO] springt man schrittweise durch die verschiedenen Parameter, die einem zur Bearbeitung zur Verfügung stehen. Unter Anderen eben auch die Lautstärken von Main- und Dual-Voice, deren Werte man schließlich mit dem Data-Dial ändern kann.

Die [EDIT]-Taste birgt den Einstieg in die tieferen Gewässer der MM-Klangerzeugung – unter Mittäterschaft der [UTILITY]-Taste
Die [EDIT]-Taste birgt den Einstieg in die tieferen Gewässer der MM-Klangerzeugung – unter Mittäterschaft der [UTILITY]-Taste

Aktiviert man noch die Split-Voice, kann man in der Tastaturzone unterhalb des Split-Punktes (einstellbar im [UTILITY]-Menü) noch eine dritte Voice auf der Tastatur spielen. Zur Auswahl der Split-Voice gerät man wie bei der Dual-Voice durch längeres Drücken der [SPLIT]-Taste. Hat man nun eine Einstellung – im Yamaha-Jargon eine "Performance" – erstellt, die einem gefällt, kann man sie auf einem der 64 Performance-Speicherplätze sichern. Dazu wählt man zunächst mit den Tasten [PERFORMANCE BANK INC] bzw. [PERFORMANCE BANK DEC] eine der acht Performance-Bänke aus, in der man speichern möchte. Dann hält man die Taste [STORE] gedrückt und betätigt zusätzlich die [PERFORMANCE MEMORY]-Nummerntaste des gewünschten Speicherplatzes.

Live auf den Weltbedeutungsbrettern

So kann man auf einfache Art und Weise verschiedene Einstellungen beispielsweise für das Live-Spiel anordnen. Beispielsweise benötige ich bei meiner Cover-Band Asgaart pro Song im Schnitt drei verschiedene Performances. Für "Firth Of Fifth" von Genesis geht es mit einem Piano über der gesamten Tastatur los. Ich wähle dafür als Main-Voice "Warm Grand" aus und speichere die Performance in Bank 1 Memory 1.

Bei der Strophe brauche ich unter dem Split-Punkt eine solide Rockorgel und darüber einen Mellotron-artigen Streicher/Chor-Sound. Als Main-Voice wähle ich "Tron Strings", als Dual-Voice "Choir" und als Split-Voice "Progressy". Im [EDIT]-Menü stelle ich die Lautstärken wie folgt ein: Main 090, Dual 091 und Split 100. Um die Sounds in der richtigen Oktavlage spielen zu können, werden Main und Dual um eine Oktave nach unten und Split um zwei Oktaven nach oben transponiert. Main und Dual verschiebe ich im Stereobild auseinander (Main nach links, Dual nach rechts), um in der Mitte mehr Platz für die Orgel (die Split-Voice) zu haben und einen fetteren Gesamtsound zu bekommen. Schließlich schicke ich die Split-Voice noch kräftig in den Chorus-Effekt. Im [UTILITY]-Menü stelle ich den Split-Punkt auf 056 (G#2), so dass ich die Orgel bis zum Ab spielen kann. Dann speichere ich die Performance auf Bank 1 Memory 2.

Für das große Solo im Song benötige ich noch die gleiche Rockorgel und einen Synth-Lead-Sound. Ich wähle also innerhalb der eben erstellten Performance einfach andere Main- und Dual-Voices aus, und zwar "Fargo" (Main) und "Sawtooth Lead" (Dual). Ich nehme die Dual-Voice mit, um den Lead-Sound extra fett zu machen. Im [EDIT]-Menü mache ich die Orgel (Split) wesentlich leiser, da sie hier "nur" Begleitfunktion hat, dafür aber Main richtig laut. Dual mache ich etwas leiser als Main und transponiere sie um eine Oktave unter die Main-Voice. Schließlich drehe ich noch mit den Echtzeitreglern [CUTOFF] und [RESONANCE] die Main-Voice so zurecht, dass mir den Sound richtig gut gefällt, und speichere das Ganze auf Bank 1 Memory 3.

Die Einstellungen der vier Echtzeitregler werden in den Performances mit gespeichert
Die Einstellungen der vier Echtzeitregler werden in den Performances mit gespeichert

Et voilà: Durch die Anordnung auf benachbarte Speicherplätze habe ich nun schnellen Zugriff zum Umschalten während des Songs.

Automatisches Bumm-Paff

Finger rauf auf die [FINGER]-Taste – und schon spielt die Pattern-Begleitung die Akkordfolge, die man auf der Tastatur greiftFinger rauf auf die [FINGER]-Taste – und schon spielt die Pattern-Begleitung die Akkordfolge, die man auf der Tastatur greift

Das Konzept des MM8 besteht jedoch aus mehr als den drei Voices für die Tastatur. Gleichzeitig kann man nämlich einen Pattern-Sequencer laufen lassen, der sich einer Vielzahl verschiedener Styles bedient. Jeder Style wiederum besteht aus vier Sections, die jeweils verschiedene Abschnitte einer kompletten Begleitung inklusive Drums, Bass und anderer Instrumente darstellen.

Das Prinzip ist ähnlich dem der Begleitautomatiken von Entertainer-Keyboards. Auch der MM8 verfügt beispielsweise über eine Akkorderkennungsfunktion – ist sie eingeschaltet (Taste [FINGER]), kann man in der Tastaturzone unterhalb des Splitpunktes die gewünschten Akkorde greifen und der Pattern-Sequencer liefert die passende Begleitung. Was für nicht nur für das Nachspielen von Songs, sondern vor allen Dingen auch für das Komponieren eigener Songs nützlich ist.

Eigenes Bumm Paff

Wie bereits gesagt: Der MM8 kann mehr als "nur" drei Voices. Er kann auch mehr als drei Voices plus Pattern-Sequencer. In Verbindung mit einem externen Sequencer – wie dem im Lieferumfang befindlichen Steinberg Cubase AI 4 – kann man den MM8 als GM-kompatiblen Klangerzeuger verwenden. Und so funktioniert es:

Nachdem der MM8 via MIDI mit einem Sequencer verbunden ist, schaltet man ihn mittels des [SONG USER]-Tasters in eine Art "Song-Modus". Und schon kann man den MM6 verwenden, um ein Standard-MIDI-File abzuspielen.

Mit Hilfe von Program-Changes lassen sich für jeden der 16 MIDI-Kanäle die gewünschten Voices auswählen. Zuvorderst natürlich die aus dem GM-Sortiment. Am Ende der Bedienungsanleitung gibt eine Liste aller Voices des MM8 jedoch auch Auskunft über die Bank-Select und Program Changes, die für den Aufruf der jeweiligen Voice benötigt werden, so dass man auch Voices jenseits von GM-Standards nutzen kann.

Man kann allerdings auch die Liste beiseite lassen, und die gewünschten Voices wie gewohnt über das Bedienfeld auswählen. Als Grundlage nehmen wir dafür keinen Song, sondern eine Performance, deren Effekteinstellungen und Soundauswahl der Main-, Dual- und Split-Voices schon dem Vorhaben entspricht. Um diese Einstellungen im Sequencer zu sichern, weisen wir den MM8 an, ein "Initial Setup" zu senden – der dazu notwendige Befehl findet sich im [UTILITY]-Menü. Dort findet sich auch die Einstellung "Local On/Off", mit der man mit "Off" die Tastatur von den internen Klangerzeugung trennt – für den Betrieb mit einem externen Sequencer die optimale Einstellung.

Doch zurück zum "Initial Setup", das wir im Sequencer aufnehmen möchten: [UTILITY] drücken, Menü-Punkt "Initial Setup" auswählen, Sequencer-Aufnahme starten und mit der Taste [INC/YES] ausführen. Der MM8 schickt damit eine Reihe MIDI-Events durch die Leitung, unter anderem auch SysEx-Events – daher muss man also Sorge tragen, dass vom Sequencer auch SysEx-Events aufgezeichnet und nicht etwa durch ein MIDI-Filter ausgefiltert werden. Diese Eventfolge soll auf einer eigenen MIDI-Spur aufgezeichnet werden, die auch auf allen MIDI-Kanälen senden kann (bei Cubase: MIDI-Kanal-Einstellung "Alle"), damit die Events auch so wieder gesendet werden, wie sie vom MM8 erzeugt wurden. Durch die Events wird dem MM8 mitgeteilt, welche Voices ausgewählt und wie die Effektblöcke eingestellt sind – so kann der MM8 auch später wieder auf diese Einstellungen gesetzt werden.

Auf MIDI-Kanal 1 kann man nun die Main-Voice spielen, auf Kanal 2 die Dual-Voice und auf Kanal 3 steht die Split-Voice bereit. Die weiteren 13 Kanäle lassen sich natürlich auch nutzen. Die Soundauswahl erledigen wir jedoch wie geplant über die [CATEGORY SEARCH]-Funktion: Zunächst rufen wir die gewünschte Soundkategorie und dann mit [DEC/NO] respektive [INC/YES] oder dem Data-Dial die gewünschte Voice auf. Bei jedem Voice-Wechsel sendet der MM8 die entsprechenden Bank- und Program-Change-Events – allerdings dazu auch ein paar SysEx- und Controller-Events, die ihrerseits versuchen, die Effekteinstellungen zu ändern (denn wie weiter oben bereits erwähnt wurde: Die Main-Voice bestimmt des DSP-Effektblock). Da das nicht gewünscht ist, müssen diese Events nach der Aufnahme von Hand rausgelöscht werden.

Also: Voice auswählen, mit [DEC/NO] eine Voice zurückspringen, Sequencer-Aufnahme starten, mit [INC/YES] auf die gewünschte Voice wieder vorspringen, Sequencer stoppen, Part auswählen und im Event-Editor (bei Cubase: Listen-Editor) bearbeiten, SysEx-Events markieren und löschen.

Im Listen-Editor von Cubase werden die unerwünschten SysEx-Events markiert und gelöscht – die Controller-Events kann man nutzen, um sie nach eigenem Geschmack einzustellen
Im Listen-Editor von Cubase werden die unerwünschten SysEx-Events markiert und gelöscht – die Controller-Events kann man nutzen, um sie nach eigenem Geschmack einzustellen

Die Controller-Events kann man entweder auch löschen oder nach Gusto bearbeiten:
- Controller #7 stellt natürlich die Lautstärke des Parts ein
- Controller #94 den Send-Level des Parts zum DSP-Effektblock
- #91 den Send-Level zum Reverb-Effektblock
- #93 den Send-Level zum Chorus-Block.

Mit dieser Methode lassen sich auf allen 16 MIDI-Kanälen die gewünschten Voices auswählen und spielen.

Fazit

Mit dem Yamaha MM6 und MM8 lässt sich viel anstellen – gerade auch in Verbindung mit einer Sequencer-Software bietet er viel Soundstoff für eigene Songs und Demos. Und das zu einem Geldbeutel-freundlichen Preis.

Björn Meyer

Music & PC

Dieser Workshop ist erstmalig erschienen in Music & PC Ausgabe 02/2008 und wurde hier mit freundlicher Genehmigung wiederveröffentlicht.


Zurück nach obenZurück nach oben